Aktenzeichen 2.0 ungelöst

veröffentlicht am 14. September 2011 von Jona

Bis vor einigen Wochen dachten wir noch, die größten deutschen gemeinnützigen Organisationen wären WWF, Greenpeace & die DKMS. Dann sind wir über die Initiative Vermisste Kinder und ihr Facebook-Profil Deutschland findet euch gestolpert. Mit 120.000 Fans auf Facebook die klare Nummer 1 in der Kategorie Organisationen. Zur selben Zeit macht die Polizeidirektion Hannover mit ihrem Facebook-Profil Schlagzeilen. Bei 30.000 Fans kann nur noch Angela Merkel und ihr Regierungssprecher mithalten.

Beiden Profilen ist eines gemeinsam: Sie nutzen soziale Medien zur Suche von vermissten Kindern und zur Fahndung von Verdächtigen. Das alte Prinzip von TV-Sendungen wie Aktenzeichen XY ungelöst und Fahndungsfotos in Tageszeitungen wird hier auf soziale Medien übertragen und findet je nach Fall beträchtliche Reichweiten.

Deutschland findet euch

Screenshot: Deutschland findet euch auf Facebook
Die als Verein organisierte [Initiative Vermisste Kinder](https://pluragraph.de/organisations/initiative-vermisste-kinder "Pluragraph: Initiative Vermisste Kinder") entstand 1997 aus der Aktion "Wir helfen suchen" der Fernsehsendung Schreinemarkers TV. 2010 gründete der Verein die Facebook-Seite [Deutschland findet euch](http://www.facebook.com/deutschlandfindeteuch "Facebook: Deutschland findet euch"), welche den Fans die Möglichkeit geben soll, sich aktiv an der Suche nach vermissten Kindern und Jugendlichen zu beteiligen. Neben der Hauptseite wird für einzelne vermisste Kinder eine eigene Facebook-Seite angelegt. Nach eigenen Angaben konnten innerhalb des ersten Jahres bereits drei Fälle gelöst werden und die vermissten Kinder wieder in ihre Familien zurückkehren. Mit prominenter Unterstützung z.B. durch den [1. FC Bayern München](http://www.fcbayern.telekom.de/de/aktuell/news/2010/24687.php "FC Bayern: Initiative vermisste Kinder") oder den Sänger [Jan Sievers](http://www.youtube.com/watch?v=0ITMdwxJCSs "YouTube: Jan Sievers") konnte die Facebook-Seite 120.000 Fans überzeugen mitzusuchen. Die Kampagne läuft nur auf Facebook und wird mit einer eigenen URL [www.deutschland-findet-euch.de](http://www.facebook.com/deutschlandfindeteuch "Facebook: Deutschland findet euch") beworben, welche auf das Facebook-Profil weiterleitet. ### Polizeidirektion Hannover
Fahndungsaufruf der Polizeidirektion Niedersachsen.
Auch staatlich wird Facebook genutzt um Personen zu suchen. Neben Vermissten geht es auf der [Facebook-Seite](https://www.facebook.com/PolizeiHannover "Facebook: Polizeidirektion Hannover") der [Polizeidirektion Hannover](https://pluragraph.de/organisations/polizeidirektion-hannover "Pluragraph: Polizeidirektion Hannover") aber vor allem um Hilfe bei der Fahndung. Warum geht man hierfür zu Facebook? Die Polizei hat festgestellt, dass sie in den jüngeren Zielgruppen mit Fahndungsfotos in der Zeitung nur wenig erreicht. Auf Facebook haben sie ein junges Publikum. 70% der Fans sind unter 35 Jahre alt. Oder wie es Stefan Wittke, Pressesprecher der Polizeidirektion Hannover auf [ichimnetz.de](http://www.ichimnetz.de/2011/06/meinungen-und-interviews/polizei-hannover-fahndungserfolge-dank-facebook-6769/ "www.ichimnetz.de") ausdrückt: "Kriminalität ist jung, die Facebook-Nutzer sind es auch." Dabei kann die Polizei bereits acht Fahndungserfolge vorweisen. Die Hinweise werden dabei nicht auf Facebook gepostet, sondern direkt an die zuständige Polizeidirektion gemeldet. Das scheint zu funktionieren. Laut der Behörde müssen die Moderatoren nur einen Bruchteil der Kommentare löschen. Seit dem 31.8.2011 ist der Modellversuch beendet. Die Polizei [zieht positive Bilanz](http://www.heise.de/newsticker/meldung/Polizei-Hannover-zieht-positive-Bilanz-ihrer-Facebook-Praesenz-1333756.html "Heise.de: Polizei Hannover zieht positive Bilanz ihrer Facebook-Präsenz") ihrer Facebook-Präsenz und macht erst einmal weiter. Eine grundsätzliche Entscheidung zur Weiterführung steht aber noch aus. Schon jetzt haben andere Polizeibehörden Interesse an den Erfahrungen der Hannoveraner. "Das Telefon steht kaum noch still. Zahlreiche Polizeibehörden aus der ganzen Republik interessieren sich für unsere ersten Erfahrungen." so Stefan Wittke. Ende August ist dann auch die Seite der [Polizei Mecklenburg-Vorpommern](https://pluragraph.de/organisations/polizei-mecklenburg-vorpommern "Pluragraph: Polizei Mecklenburg-Vorpommern") online gegangen.
Screenshot: Polizei Niedersachsen Karriere auf Facebook

Insgesamt ist die Polizei in Niedersachsen sehr aktiv. So gibt es landesweit ein Facebook-Profil, dass sich speziell mit der Gewinnung neuer Polizisten widmet.

Datenschutz

Kritisiert wird die Facebook-Seite von Seiten der Datenschützer. Neben der allgemeinen Kritik an Facebook steht im Vordergrund, dass die Fahndungsfotos für immer gespeichert sind und auch bei Unschuld im Netz bleiben. Hier erwidert die Polizeidirektion, dass in jedem Fall "bei der öffentlichen Fahndung nach einem Tatverdächtigen mit Foto oder Phantomskizze immer ein richterlicher Beschluss erforderlich ist." Die Problematik bestehe auch bei den bisher genutzten Fahndungsaufrufen in Zeitungen und auf der Homepage der Polizei.

Wir sind gespannt, wie es weitergeht mit den "Fahndungsprofilen". Auch bleibt abzuwarten in wie weit neue Profile mit weniger Medienaufmerksamkeit, wie das Profil der Polizei Mecklenburg-Vorpommern, Erfolg haben können. Es lohnt sich in jedem Fall, auch abseits der Fahndungsaufrufe Inhalte zu posten und Diskussionen anzuregen. Dies macht auch die DKMS um ihre 64.000 Fans umfassende Community aufrecht zu erhalten. Und zwischendurch dann ein Aufruf um den passenden Stammzellspender zu finden.

Zur Kategorie Polizei & Feuerwehr mit über 100 eingetragenen Profilen.

Update Nicht unumstritten aber schon seit einigen Monaten auch in Deutschland Realität: Die Polizei sucht nicht nur Vermisste und Verbrecher, sondern auch Raser via Facebook. Sobald nicht genau ermittelt werden kann, wer wirklich am Steuer saß, greifen immer mehr Ordnungshüter auf das soziale Netzwerk Facebook zurück. Datenschutzbeauftragte kristisieren dies. Bisher existiert für diese Form der Recherche kein rechtlicher Rahmen in Deutschland. Zudem könnte das US-Unternehmen so detaillierten Einblick in die Fahndung der Polizei erhalten.